"Bring bitte schon einmal deine Koffer zum Auto, Anton.", forderte ihn seine Mutter leicht gestresst auf, "und beeil dich, du kannst dann das andere Zeug auch noch nach draußen tragen!"
Stöhnend nahm Anton zuerst sein Zeug und machte sich auf den Weg, durch die Nacht. Dabei sang er flüsternd und, durch die Anstrengung, stockend irgendwelche blöden Kinderlieder, die er in den letzten Wochen zu seinem Verdruss ständig hatte hören müssen.
Die Nacht war angenehm kühl und friedlich, da kein Wind wehte bewegte Anton sich unbewusst viel leiser als normal, obwohl weit und breit keine Menschen wohnten, die er hätte wecken können.
Nach einer Weile hielt er plötzlich an. Er hatte etwas gehört, was er nicht einzuordnen vermochte. Wie dumpfe Schläge auf dem Waldboden. Doch es war nur kurz zu höhren gewesen und bald wieder verklungen. So dachte Anton sich nichts weiter dabei und ging weiter in Richtung Auto. Die Nacht und die Einbildung produzierten manchmal seltsame Geräusche. Aber er konnte sich nicht davon abbringen öfters in die Nacht um ihn zu blicken. Ein bisschen schämte er sich für seine Angst vor der Dunkelheit.
Endlich erreichte er den Platz, wo normalerweise das Auto stand, wenn sie bei der Tante an- oder abreisten. Aber heute war der Platz leer. Wahrscheinlich hatte die Tante diesmal die Erlaubnis gegeben, das Auto direkt vor dem Haus zu parken, was sonst verboten war, da sie Angst um ihren Garten hatte und den Gestank von Autos verabscheute. Anton machte beleidigd kehrt und ging zurück in die Richtung aus der er gekommen war. Man hätte es ihm ruhig sagen können, dann hätte er sich diesen verdammten Weg sparen können!
Plötzlich wurden seine Füße von eisigkaltem Wasser durchnässt. Über den Weg floss ein Bach, der auf jeden Fall vor fünf Minuten noch nicht da war. War eine der Bewässerungsanlagen defekt? Anton betrachtete irritiert das Wasser und sehnte sich. Er sehnte sich, ohne zu wissen wonach. Noch immer stand er inmitten des neuen Baches, frohr und sehnte sich. Das Sehnen wurde stärker und fast schmerzhaft. Er wollte von hier weg, irgendwohin. Das Blut rauschte in seinen Ohren und er zitterte. Und dann spürte er, wie sich eine Hand mit sanftem Druck auf seine Schulter legt. Anton umklammerte seine Koffer heftig, an Wegrennen oder Verdeidigung dachte er nicht, er war vor Schreck einfach gelähmt. Er starrte nur auf die hellerleuchtete Villa vor ihm, auf deren Terasse seine Mutter stand und nach ihm rief. Natürlich sah sie ihn nicht, da er im Dunklen stand. Gerade als der Schock sich etwas gelöst hatte und er sich umdrehen wollte, spürte er, wie sich eine Hand über seine Augen legte. Eine Weile stand er so da, nicht fähig einen Gedanken zu fassen oder sich zu rühren, doch er spürte, dass der Mensch hinter ihm ihm nichts böses wollte. Und dann durchfuhr ihn ein fürchterlicher Schlag, ähnlich einem Blitzschlag, der ihm das Bewusstsein raubte.
Verschwommene Schatten bewegten sich um ihn. Groß und bedrohlich, doch Anton nahm alles nur wie in einem Fiebertraum war. Laute Geräusche waren um ihn, Bewegungen und Schatten. Hände packten ihn und ließen ihn los, jemand schrie. Doch es war alles nur ein unbedeutender Traum.
Die helle Morgensonne blendete ihn unangenehm, als er die Augen aufschlug und sich umsah. Neben ihm lagen die Taschen, die er am letzten Abend zum Auto hatte tragen sollen. Er war immernoch im Wald, aber auf einem anderen Weg unter anderen Bäumen. Hatte er am Abend zu viel getrunken und hatte sich im Wald vor dem Haus seiner Tante verlaufen? Nein, von einem Glas Wein wurde selbst er nicht betrunken.
Langsam kamen einige Erinnerungen an die Geschehnisse der letzten Nacht. Er hatte die Koffer zum Auto gebracht, das nicht dagewesen war, dann war da der Bach und dann hatte ihm jemand die Augen zugehalten. Doch wozu? War er etwa entführt worden? Wahrscheinlich, wie sonst? Immerhin war er nicht aus eigener Kraft an diesen Ort gekommen. Man hatte bestimmt gehofft von der reichen Tante Lösegeld erpressen zu können. Eine kurze Zeit lang war er von dieser Feststellung vollkommen verblüfft und geschockt, bis ihm einfiel, dass er sich zur Zeit nicht in Gefangenschaft befand, sondern wahrscheinlich nur wenige Meter vom Haus entfernt im Wald. Anton war zu müde und durcheinander um länger über die seltsamen Umstände nachzudenken. So beschloss er einfach zur Villa seiner Tante zurückzukehren. Er nahm seine Taschen und ging am Rand der schlammigen, zerwülten Straße, bis sich der Zustand dieser nach mehreren Metern besserte und er schneller laufen konnte.
Nach ungefähr einer halben Stunde schwand der seltsame Zustand der Gleichgültigkeit indem sich Anton seit dem Aufwachen befunden hatte und er begann sich Sorgen zu machen, wurde nervös und ungeduldig. Der Weg nahm kein Ende, alles kam ihm so unbekannt vor, den Park seiner Tante hatte er schon mehrmals durchwandert, er konnte sich aber nicht an einen so verflucht geraden und ungepflegten Weg erinnern. Der Wald um ihn war auch dichter, wilder und dunkler als der auf dem Grundstück seiner Tante. Anton ging schneller, was mit den schweren Taschen reichlich schwierig war. Es musste doch irgendwo eine Kreuzung, einen Wegweiser oder eine Siedlung geben, wo er sich nach dem Weg erkundigen konnte. Doch es kam nichts. Mittlerweile machte er sich auch ernsthaft Gedanken darüber, was in der letzten Nacht vorgefallen war. Doch es gab keine Antwort.
Irgendwann verließen ihn die Kräfte und Anton verlangsamte seinen Schritt, nervös blickte er sich nach allen Seiten um. Vorn und hinten war nur dieser elende Weg, zu beiden Seiten dichter Wald. Anton war sich nun sicher, nicht auf dem Gelände seiner Tante zu sein, doch wie er hierhin gekommen war, konnte er sich nicht vorstellen, und er wollte es zur Zeit auch nicht wirklich wissen. Wo genau er war, das war die Frage, die er sich zur Zeit stellte.
Als es auf den Mittag zuging fühlten Antons Beine sich von der ungewohnten Anstrengung ganz schwach an und seine Kehle war vor Durst und Angst trocken und zugeschnürt. Das Atmen fiel ihm vor Verzweiflung schwer. Er setzte die Taschen ab und blickte sich mehrmals um. Dann ging er auf dem Weg auf und ab, weil er nicht still halten konnte, sein Herz schlug schwer gegen seine Brust und ihm war heiß. Er wollte schreien, so dass jemand zu Hilfe kommen könnte, aber er tat es nicht. Er setzte sich kurz auf seine Tasche, zappelte nervös mit dem Bein und fluchte mit vor Angst gequetschter, dünner Stimme vor sich hin. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, vielleicht hätte er gleich zu beginn die andere Richtung einschlagen sollen, doch nun war es zu spät umzukehren. Ein Weg führt immer zu einem Ort, oder kommt von einem, also war es egal, in welche Richtung er dem Weg folgte, er würde irgendwann irgendetwas erreichen. So machte Anton sich wieder auf den Weg, da er sich ohnehin nicht entspannen konnte, und er nicht weiterkommen würde, wenn er weiter auf einem staubigen Weg saß und vor sich hinfluchte.
Doch gerade, als er losgehen wollte hörte er hinter sich ein eigenartiges Trommeln. Er drehte sich um und sah einen Reiter auf sich zukommen. Anton wollte erst zur Seite treten, aber er entschloss sich, die Möglichkeit zu nutzen und zu fragen, wo er war und wie weit es noch bis zur nächsten Stadt war. Ziemlich nervös wartete er, bis der Reiter in ungefähr 6 m Entfernung von ihm sein Pferd zügelte.
"Äh, Guten Tag, könnten sie mir vielleich sag-"
Er wurde von einem leicht genervt klingendem Wortschall unterbrochen, von dem er kein einziges Wort verstand. Aber natürlich sprach man hier nicht deutsch, sondern Englisch, vielleicht sogar mit einem ihm unbekannten Akzent.
Als Anton nicht sogleich wusste, was er sagen sollte, sondern einfach nur verblüfft dastand, erhob der fremde Mann seine Stimme und plapperte noch schneller, so, dass Anton keine Möglichkeit fand, mit seinem Englisch auch nur ein Wort zu verstehen.
Der Mann stellte allerdings unmissverständlich eine Frage. Dann erkannte er, dass Anton ihn nicht verstand, betrachtete ihn einen Moment und kam schließlich einige Schritte nähergeritten. Anton blickte zu ihm auf und entschied sich, es versuchshalber mit Englisch zu probieren. Doch der Mann unterbrach ihn, als er erkannte, dass sie sich nicht verständigen konnten mit einem ungeduldigen Wink seiner Hand. Er deutete zuerst auf Anton und dann auf den Weg vorraus und machte ein fragendes Gesicht. Anton nickte. Der Mann in der altmodischen, dreckigen Kleidung lächelte zufrieden. Er stieg schließlich von seinem Pferd, deutet auf Anton und sich selbst und dann auf den Weg. Anton verstand und nickte erfreut. Er zeigte dem Fremden seine Taschen und der verschnürte sie mit einiger Mühe auf dem Rücken des Fuchses. Er betastete den Stoff der Reisetaschen neugierig, wie als hätte er soetwas noch nicht gesehen. Wahrscheinlich war die Zivilisation in solchen Ausmaßen noch nicht in die abgeschiedenen, traditionellen ländlichen Gegenden vorgedrungen.
Dann deutete der Mann auf sich: "Dagonn"
"Anton"
Dagonn streifte seinem Pferd die Zügel über den Kopf und setzte zu Fuß den Marsch auf der endlosen Strecke fort. Anton musste sich ziemlich bemühen, mit dem zügigen Schritt seines Begleiters mitzuhalten.
Während des Gehens warf Anton dem Mann immer wieder neugierige Blicke zu, bis er dessen Blick begegnete. Sie grinsten sich an. Sprechen taten sie aber während der gesamten Strecke, die sie an diesem Tag zurücklegten nicht. Weder mit Gesten noch probehalber mit Worten.
Der Wald veränderte im Laufe des Tages kaum sein Aussehen, die Straße verlief weiterhin schnurgerade. Als es zu dunkeln begann,bog Dagonn plötzlich in den Wald zur Rechten ein und band das Pferd nach einigen Metern an einen Baum. Anton humpelter ihm hinterher und ließ sich auf die Erde sinken. Der rasche Schritt des Mannes hatte ihn ermüdet. Dagonn, der gerade Antons Taschen von seinem Pferd herunter geholt hatte schaute ihn ein bischen mitleidig an und setzte sich auch. Er schien leicht unzufrieden. Doch er kramte ein Stück Brot und Käse aus einer Tasche, lächelte Anton an deutete darauf und sagte: "Xadd". Anton war sich nicht sicher, ob dieses Wort "Essen", "Brot" oder "Hunger" bedeutete, oder ob er gefragt wurde, ob er auch etwas wolle. "Essen" antworte er, der Mann würde es sicher sowiese nicht nachprüfen können. Aber er schien sich zu freuen. Er bekam etwas Brot und Käse von Dagonn, der ein Feuer entfachte. Nach einer Weile deutete Anton auf das Pferd: "Pferd". Dagonn lächelte noch breiter: "Aigennte". "Aigennte", wiederholte Anton. "Baum". "Eemin". Anton lernte im Laufe des Abends noch enige Wörter kennen, wie Wald, Mensch, ich, gehen, Feuer, Himmel, Sterne.
Doch als es schließlich dunkel war, wurde es unerträglich kalt, und obwohl er eine Jacke angezogen hatte musste Anton näher zum Feuer rücken. Dagonn legte sich bald schlafen, aber Anton wusste , dass er keinen Schlaf finden würde und versuchte es deshalb erst gar nicht. Seltsamerweise war nahezu alle Beunruhigung und Angst von Anton geschwunden, während er sich mit Dagonn untehalten hatte, doch nun wurde ihm seine Situation erneut in vollem Maße bewusst. Er wanderte mit einem völlig fremden Menschen, der zwar sehr freundlich, aber dennoch seltsam war und nicht deutsch, nicht einmal englisch, sprach durch einen endlosen Wald, der so dicht und unangetastet wirkte wie Anton noch keinen zuvor gesehen hatte. Er war auf unerklärliche Weise mitten in der Nacht aus dem Park seiner Tante in diesen dunklen Wald geraten, wahrscheinlich weit entfernt von jeglicher Zivilisation.
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